Scouting Biwak Abenteuer in Italien auf einem „stronzo“ Berg

Diese Geschichte handelt von Scheitern und Abenteuer unserer Trailscouting Tour in Italien, einer ganz persönlichen Gewitterzelle und vielen nicht geplanten Bonus Abenteuern. Der erste Versuch dieser 2-Gipfel Biwak-Tour war bereits eine Woche zuvor im August 2018 dem schlechten Wetter zum Opfer gefallen. Beim zweiten Versuch von der RIDE.company Community war ich, ach ja mein Name ist Martin Kompan, dabei und dies sollte nun den Erfolg mit Biwak am Gipfel bringen.

Treffpunkt und erste Höhenmeter mit italienischen Bus-Shuttle

Die Anfahrt ins benachbarte südliche Friaul verlief wie üblich völlig unkompliziert. Wir trafen uns am Parkplatz einer lokalen Volksschule in Venzone. Alle waren fit und bereit für das bevorstehende Abenteuer. Auch der italienische Shuttle-Mann Gian Paolo von 7BikeVan, ein super spaßiger Typ mit seinem „top-modernen“ Bus, war schon da. Trotz unserer, nur für Bier-und-Pizza-bestellen ausreichenden Italienisch Kenntnisse, konnte wir nach etwas Smalltalk unsere Bikes verladen und Richtung Berg abfahren. Während der Shuttle Auffahrt hat Gian Paolo den „Auffahrtstrail“ eindrucksvoll ausgeputzt damit unsere Bikes auch sicher am Berg ankamen. Unglaublich was für Werkzeuge dieser Mann in dem Bus versteckt hatte. Druide Miraculix hätte sich bestimmt gefreut.

 

Der erste Gipfel

Mit leicht schwummrigem Gefühl im Bauch nach den geshuttelten Kurven wollten ich endlich auf mein Bike und gemeinsam mit der Gruppe ein paar Höhenmeter treten. Das erste Ziel war der erste Gipfel, den wir nach 400 Höhenmeter ganz entspannt erreichten. Es war ein schöner Spätnachmittag mit angenehmen Temperaturen, netter Biker-Gruppe, spaßiges Tratschen, etwas Kultur-Smalltalk und Biker-Latein! Oben am Gipfel konnten wir die wunderbare Aussicht genießen. Echt lässig und noch ziemlich lustig!

Die erste 400 Höhenmeter Abfahrt machte schon Lust auf mehr. Ein nicht zu steiler Steig gesäumt mit mittelgroßen Steinen. Uns ging das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht oder wie einer der Teilnehmer es formulierte: „Genau so etwas find ich super!“ Zum Schluss sind wir dann im Kuhfladenslalom (Kuhmist im Profil kommt bei Tragepassagen gar nicht gut!) das letzte Stück zurück zu unserer „zufälligen“ Homebase in einem Agriturismo geradelt.

 

Stärkung bevor es wirklich hoch hinaus ging

Die erste Trail-Abfahrt haben wir dann bei succo di mela (Apfelsaft) verarbeitet und uns auf die kommende Aufgabe, Aufstieg auf einen steilen felsigen 1.800m Gipfel, vorbereitet. Die Erkenntnis, dass alle Teilnehmer Gipfel-Biwak-New-Bees waren, hat unser Guide entspannt gesehen und freute sich, uns die neuen Blüten zu zeigen. Bei der Hütte waren viele Wanderer neugierig auf uns und auch sehr hilfsbereit für unser geplantes Vorhaben. Die Reaktionen waren, naja nicht gerade ermutigend, von „Ihr seids deppert!“ bis „Ähm, ich würde davon abraten!“. Aber da war wohl unsere Übersetzung aus dem Italienischen nicht ganz korrekt oder was heißt „questa montagna é stronzo“. Dieser Berg hat Geschichte. Natürlich bekamen wir auch Tipps für die Tour von erfahren italienischen Bergsteigern, welche auch schon mal am Gipfel biwakiert hatten.

Die ersten steilen 350 Höhenmeter in den Felsen

Um ca. 19:30 Uhr sind wir dann zu unserem Hauptgipfel aufgebrochen. „Leutlan wir müssen los, wenn wir nicht zu spät am Gipfel sein wollen.“ Schritt 1: Reifen von Kuhfladen reinigen!  Check! Unsere Bikes schiebend den Berg hoch zu bringen war nach 5 Minuten beendet. Ab dann war nur mehr schultern und tragen angesagt. „Der Aufstieg ist aber schon etwas steil!“ Egal, weiter.

Nach einigen Schlüsselstellen mit spannenden Kletterpassagen, wo wir die Bikes auch gemeinsam hochgehoben bzw. gezogen haben, kamen wir auf den ersten Punkt mit wirklich super Aussicht ins Tal. Je besser die Aussicht wurde, desto dunkler wurden allerdings auch die Wolken. „Bumm! Hell! Das war jetzt aber kein Blitz, oder?“

Die erste Entscheidung - Abbruch

Auf ca. 1.350 hm war dann eine kleine Rast möglich. Schon über einige Zeit hinweg haben wir alle mit Besorgnis die Wolken beobachtet. Es wurde immer dunkler. „Hat wer Handy-Empfang und kann das Wetterradar checken?“ Es sah nicht gut aus und es wurde auch immer dunkler. Im gesamten Friaul gab es nur eine Gewitterzelle mit ca. 1 km Durchmesser, welche sich genau über unsren Berg anbahnte. Donald Duck kann über so viel Pech sicher ein Lied schreiben, ich war sehr verwundert über so viel Pech. Die Entscheidung umzukehren und beim Agriturismo zu biwakieren, war sehr schnell und eindeutig vom Guide getroffen. Also ging es 350 Tiefenmeter wieder kletternd und manchmal fahrend in der Dunkelheit hinunter. Wir kamen um ca. 21:00 gerade noch rechtzeitig an bevor die Küche geschlossen wurde im Agriturismo. Juhuuu. Wir waren froh und die Belegschaft und Wanderer der Hütte übrigens auch, welche unser Vorhaben mitbekommen hatten! Eine Minute nach unserer Ankunft setzte der Regen für rund eine Stunde ein. Böse kleine Gewitterzelle!

Biwak-Hotel

Nach einem freundlichen Gespräch durften wir beim Agriturismo auf der Terrasse unter Dach biwakieren. Schlafgelegenheit gesichert. Check. Dann bestellten wir Gnocchi, Dessert und isotonische Getränke. Mjamm, wer hätte mit so viel Komfort gerechnet bei dieser Tour. Das Glas war definitiv halb voll. Mit vollem Magen ging es dann ab ins vermeintlich komfortable Biwak.

Um ca. 23:00 war dann alles leise. Bequem und angenehm war es nicht für mich, eher hart und ungemütlich. Aber damit musste ich rechnen. Wie dann um ca. 03:00 Uhr wahrscheinlich ein Wildschwein vorbei streunte und kurz danach ein Waidmann mit drei Schüssen die Nacht endgültig beendete, war an schlafen ohnehin nicht mehr zu denken.

Die zweite Entscheidung - Aufstehen

Den Wecker hatten wir vereinbarungsgemäß auf 04:00 Uhr gestellt. Am Vorabend waren wir alle gemeinsam eindeutig der Meinung, am nächsten Tag so früh, wie sinnvoll möglich, am Gipfel zu sein. Klang nach einer guten Idee mit Sonnenaufgang und so. Kurz nach dem Weckruf war das etwas gespaltener. Unser Guide erhob die Stimme in der Nacht „Ihr wollt das jetzt wirklich machen? Dann auf uns los geht’s!“ Gesagt, getan. Aufstehen, alles einpacken und Motivation suchen.

Aufstieg in den Sonnenaufgang auf den finalen Gipfel

Um 04:30 Uhr ging es los. Der zweite Versuch. Der Aufstieg bis zum Punkt des Vortags ging ohne Probleme. Die nächsten Höhenmeter waren dann etwas schwieriger. Ein paar wirklich steile ausgesetzte Passagen machten den Aufstieg zur Herausforderung. Den Sonnenaufgang erlebten wir dann mitten am Berg beim Aufstieg und nicht am Gipfel, wobei dies für mich nicht minder beeindruckend war. Und dann kam endlich der Gipfel.

Ein Schläfchen am Gipfel muss schon sein

Das Gefühl, früh am Morgen aus eigener Kraft einen Gipfel erklommen zu haben, hat mich aber für alle Strapazen mit rund 700 hm Bike tragen und klettern entschädigt. Wir gönnten uns die verdiente Rast, haben die hoch geschleppte Jause verputzt und die wärmende Sonne genossen. Einfach rumliegen am Gipfel war angesagt.

Etwas Zeit später kamen auch schon die ersten Wanderer an. „Ah, ihr seid schon da! Wann seid ihr los? Ihr habt aber nicht echt die Bikes hochgeschleppt? Warum macht ihr das?“ und „Viel Spaß bei der Abfahrt!“ Wie üblich haben wir uns bestens unterhalten am Berg. In diesem Fall auf Italienisch und Deutsch gemischt. 

Die Abfahrt

Um ca. 08:30 Uhr sind wir dann zum Downhill aufgebrochen. Endlich aufs Bike, endlich Trail, endlich das, warum wir eigentlich hier hoch oben waren …
Einer der Locals hatte uns schon den Hinweis gegeben, dass die ersten Meter hinunter nicht fahrbar sein würden. Egal. Die ersten Meter sind wir abgestiegen bzw. durch grobes Geröll und Schotter gerutscht. Der Trail war aber noch immer nicht wirklich fahrbar. Also mussten wir noch etwas weiter nach unten schieben und tragen.

Dann gab es endlich einen fahrbaren Trail. Zuerst nur für S4 erprobte Rider, kurz danach aber auch für alle anderen. Endlich konnten wir auf unsere Bikes ließen den Flow wirken auf einer Wiesen-/Steinpassage. Deshalb hatten wir die Strapazen vorher auf uns genommen. Cool. Echt lässig.

Das hört ja nie auf …

Mit viel Tragen und viel Schieben, manchmal etwas Fahren und dann wieder von vorne, ging es den Berg hinunter. Ein paar super spaßige Stellen waren drin, die wir alle voll ausgekostet haben. „Leute, das war jetzt aber superflowig, oder!?“ – „Ja, war echt super!“ – Und dann schon wieder absteigen und abwärts schieben.

Nach mehr als 4 Stunden Bike- und Gehzeit waren wir noch immer im Dickicht des friulanischen Hinterlandes unterwegs. Als letzter Anstieg warteten dann nochmals ca. 300 hm auf uns. Platt und am Ende, gönnten wir uns im 100hm Rhythmus in brütender Sommerhitze kurze Erholungspausen um den finalen Anstieg zu schaffen.
Unser Traildog Jojo war fix und fertig. Ein freundlicher Italiener gab ihr Wasser und brachte JoJo mit dem Auto ins Tal während wir die finale 200hm Asphalt Speed Strecke zu unserem Parkplatz mit kühlenden Fahrtwind ausrollten.

 

Verdiente Glücksgefühle

Schon kurz danach stellten sich die ersten Glücksgefühle nach dieser überstandenen Expedition ein. Die verdiente Stärkung war dann typisch italienisch, nicht Pizza oder Nudeln, sondern ein rießen großer „Insalata Mista per tutti“…. und noch ein paar Bonus Kohlenhydrate und Zucker Nachspeisen.

Die Leiden danach … und aufs nächste Mal

Die Strapazen und Schmerzen blieben nur kurz im Gedächtnis. Was länger bleibt, ist die geschaffte Tour, die wilde Gegend, die beeindruckende Bergwelt und das Gefühl, dass dies nicht die letzte Biwaktour auf einen Gipfel war.

Wobei … Biwak am Gipfel hatten wir ja eigentlich gar nicht. Also! Wann geht es wieder los?

Text: Martin Kompan
Fotos: Herwig Kamnig

 

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