Rocky Sunrise und das Biwak im November [Video]

Eine Nacht auf einem alpinen Berg im November mit dem Mountainbike? Geht das überhaupt? Wir haben dafür unsere Komfortzone verlassen und ein richtiges Abenteuer erlebt. 

Eine Nacht am Berg ... Dunkel + Dunkel = Hell

Im November verbringt der einschlägige Bikebergsteiger schon eine Menge Zeit damit auf das weiße Gold zu warten – Powderalerts checken, den ersten Dump abwarten … kurz gesagt: zum Freerider vor dem Herrn mutieren. Das Sommersportgerät wird weggestellt, der Dämpfer und die Federgabel zum Service geschickt und alles gegen ein oder zwei Bretter getauscht, denn es ist zu kalt, zu dunkel und zu verschneit zum Biken. Oder eben nicht …

Planung der anderen Art

Wir – Flo und Florian – sind beim Abendessen, Herwig hat eingeladen, es ist lecker … verdammt lecker. Mit angespannten Bauchdecken sitzen, naja liegen wir jetzt da und überlegen welche Tour wir morgen machen wollen. Eine Idee sticht die andere aus … wir bilden uns eine Sunrisetour mit zwei Autostunden Anreisezeit ein, und dies um 21 Uhr am Vorabend. Aufstieg jetzt oder Aufstieg in der Früh? Weder noch, wir sind ja tendenziell eher faul, deshalb haben wir eine geniale Idee und wollen die Anstrengung halbieren und eine Nacht am Berg verbringen.

Video

 

Tourstart knapp vor Mitternacht

Kurz vor Mitternacht sind wir dann auf einem mehr als einsamen Wanderparkplatz in den Radstädter Tauern, die Heizung im Auto läuft noch … wird ja kalt, wenn wir diese ausschalten. Beamtenmikado. Um uns herum Nebel, gefrorene Wiesen, ein „Forststraße, gilt auch für Radfahrer“-Schild (das wir aber leider zu dieser Tageszeit nicht lesen können) und ansonsten nur ganz, ganz viel Dunkelheit. Spitzenidee mitten in der Nacht zu starten … wirklich toll, Klappe und raus. Es knirscht unter den Reifen, aber nicht lange. Der Nebel tauscht mit einem funkelnden Sternenzelt – Deal.

Wir ratschen, schnaufen, genießen und sind nicht wirklich schnell. Trotzdem oder gerade deshalb war das einer der kürzesten Aufstiege in meinem Leben. Das einsame, neblige Tal liegt unter uns und wir stehen mittlerweile neben einer kleinen Schäferhütte. Inversion … Herbst du bist doch nicht so unpraktisch. Nicht, dass es hier oben nicht auch kalt oder dunkel wäre, aber eben genau das Bisserl weniger, das aus dem ungemütlich ein „griabig“ macht. Selten so bequem biwakiert. Die Hütte spendiert noch etwas Windschatten und alles ist perfekt – diese Nacht am Berg fühlt sich fast wie ein kleiner Betrug an. Wir drei verwandeln uns mit den Daunenschlafsäcken zu Michelin-Männchen und fangen dann an zu diskutieren, wer jetzt wieder rausschlüpft für eine schöne Langzeitbelichtung. Beamtenmikado. Gute Nacht.

Biwak auf 2.000 m im November

Gemütlichkeit und Biwak finden sich nicht zwangsläufig in der gleichen Wortfamilie. Das man unter dem Sternenhimmel bei einer Nacht am Berg dann den Wecker verpennt, weil man sowas von gut schläft, ist folglich recht selten. Das war um 4:30 Uhr. Eine halbe Stunde später räkelt sich dann doch etwas. Egal wie oft man sowas schon gemacht hat, oder eben nicht, das hier ist der härteste Teil. Für mich funktioniert das Aufstehen nur schlagartig und ohne Rücksicht auf Verluste. Kalt ist es trotzdem. Die Handgriffe funktionieren automatisch … oder so ähnlich. Überflüssiges Gepäck lassen wir hier zurück (Grund 1: zu faul zum Schleppen, Grund 2: zu faul zum Packen), schultern unsere Bikes und traben gemächlich los … wach werden kann man ja später.

Gipfelsturm in den Sonnenaufgang

Noch ist es wirklich dunkel, auch der Horizont liefert noch keinen Hinweis auf die Sonne. Im Gegensatz zu gestern Abend wird kaum geratscht, denn wir brauchen die Energie. Langsam steigen wir auf, anfangs noch durch Wiesenhänge, die aber schon bald steindurchsetzter werden und schlussendlich einem alpinen, felsigen Grat weichen. Je heller es wird, umso ungläubiger werden die Blicke – das schaut nicht wirklich gut fahrbar aus, aber zumindest der Aufstieg macht Spaß. Gummisohlen auf Felsen: Mir gibt das etwas. Wir geben Gas, aber es wird immer klarer, dass wir heute nur Zweite am Gipfel sein werden, die Sonne ist schneller. Zum Glück, denn sie vertreibt die Kälte und tut vor allem den klammen Fingern gut. Sensationell, wie sie die Einsamkeit hier oben und das Bühnenbild um uns herum beleuchtet. Manche Gipfel sind schon angezuckert und leuchten jetzt rosa-orange, die Übrigen sind karg und strahlen tiefe Ruhe aus. Da ist nix mehr mit Speedbikebergsteigen. In diesem Szenario bewerkstelligen wir die letzten Meter und stehen dann ganz oben.

 

Frühstück am Gipfel

Beim Frühstück macht sich eine gewisse Zufriedenheit über unsere Nacht am Berg breit. Gestern Abend im Auto hätten wir nicht gedacht, dass wir so entspannt den Gipfel erreichen würden. Das Biwakieren hat sich bezahlt gemacht, die Höhenmeter etwas entzerrt und letztendlich ein intensives Erlebnis geschaffen. Hier oben ist es jetzt doch ganz schön windig, doch wir finden eine Panoramaloge gefüllt mit warmen Sonnenstrahlen. Jeder hat etwas Leckeres zur Stärkung dabei und so ergibt sich in Summe doch ein ganz ansehnliches Frühstück, ganz ohne Show-Off Gaskocher. Keine Bialetti und noch dazu zwei Mal Alutech … das können keine echten Bikebergsteiger sein.

 

Downhill am Berggrat mit Lerneffekt

Unsere Gedanken drehen sich dann so langsam um die Abfahrt. Da scheint eine ganze Ladung nicht fahrbarer Stellen mit dabei zu sein – mal unabhängig von den Schneefeldern. Aber wieder einmal bewahrheitet sich, wie schwer eine Abfahrt zu Fuß einzuschätzen ist – nicht nur für Wanderer, wir selbst sind ja offensichtlich auch nicht besser. Im Flow sind so manche Stellen dann um Vieles einfacher, andere wiederum offenbaren ihre Schwierigkeiten erst auf zwei Rädern. Einer der schönsten Augenblicke war kurz nach einer ziemlich langen Schlüsselstelle. Absteigen, Durschnaufen, Umdrehen, Lachkrampf.

So in etwa müssen sich Wanderer fühlen, wenn sie einem Biker hochalpin begegnen. Die Stelle schaute aus der Position so derartig unfahrbar, so unwirklich aus … und dem gegenüber stand die Tatsache, dass man das gerade gefahren ist. Vermutlich gar nicht, weil man so ein toller Hecht ist, sondern wohl eher weil der Trailbaumeister eine wunderbare, versteckte Line reingelegt hat. Solche Momente sind mit das Genialste, das man beim Bikebergsteigen erleben kann, wenn das Bike nicht nur Fortbewegungsmittel ist, sondern mit dem Trail und dir verschmilzt. Und davon waren hier einige Stellen dabei. Der Berg hat uns richtig gefordert: Linienwahl, Feinfühligkeit, Mut. In dieser euphorisierten Stimmung erreichten wir unser ehemaliges Schlafquartier und bepackten uns wieder mit Schlafsack, Isomatte und Co.

 

Genau so und nicht anders

Gut, dass die zweite Abfahrtsetappe deutlich einfacher und flowiger ist. Weiter oben hätte dieses Mehrgepäck sicher einige Stellen unfahrbar gemacht. Zusätzlich merken wir jetzt doch, dass die letzten Stunden ziemlich anstrengend waren, trotzdem: Wir würden es ganz genau so wieder machen. Dieser Berg ist faszinierend und ein richtiges Paradebeispiel wie schön es mit dem Bike am Berg sein kann – und eine Nacht am Berg ist ohnehin etwas außergewöhnliches.

 

Text & Fotos: Florian Maierhofer & Herwig Kamnig